VAT Auszeit


Kalt erwischt hat mich gestern die Tatsache, dass ab 1. Januar 2015 in der EU eine neue Umsatzsteuerregelung für digitale Produkte gilt. Ich habe ein Gewerbe angemeldet und ich lasse mich auch steuerlich vertreten (sicher ist sicher, alleine finde ich mich nicht durch den Paragraphendschungel), aber niemand hat mich informiert. Mal ehrlich: soll ich jeden Tag das Internet durchforsten, um herauszufinden, ob sich IRGENDWAS geändert hat, das meine gewerbliche Tätigkeit betrifft? Das geht doch gar nicht. Für heute ist aus o.g. Grund eine Auszeit von der Entschleunigung eingetreten *grummel*. Nach anfänglicher adrenalinschwangerer Empörung (wollen wir wieder die Mauer?)

habe ich mich eingelesen. Wie es so meine Art ist, war ich ziemlich gründlich, so an die 8 Stunden sind bis jetzt dabei draufgegangen. Es gibt so viele Informationsquellen, Gesetzestexte, Ratschläge von Steuerplattformen, Dampfgeplauder in Foren usw. Für mich hat sich jetzt Folgendes ergeben:

die neue Umsatzsteuerregelung zielt auf digitale Inhalte ab. Die Idee, die dahinter steht ist, dass es nicht mehr möglich sein soll, in Europa Steuerschlupflöcher zu suchen, die den Firmen Wettbewerbsvorteile bieten.

Für mich als Verfechter des europäischen Gedankens ist das natürlich wieder so `ne typische Geschichte, die mit dem Tagesspruch „Angst ist ein schlechter Ratgeber“ übertitelt werden kann. Statt Öffnung, Transparenz und Vereinheitlichung unserer paar kleinen Ländchen (wenn man mal den Globus betrachtet, ist es doch wirklich lächerlich), werden panisch Löcher gestopft, im Paragraphensumpf herumgestochert und mit einem 5.000 Seiten Pamphlet eine Idee verabschiedet, die noch unausgegoren ist. Um noch einen Titel für die Geschichte zu finden, könnte ich auch sagen: „Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht.“ Meine Überlegungen tragen jetzt aber nicht zur Transparenz des Ganzen bei, deshalb versuche ich mal, konkret darzustellen, was sich für mich und meine Kundinnen aus der Sache ergibt.

Es geht hier um meine Anleitungen, die ich in erster Linie über Ravelry angeboten habe. Das war für mich sehr praktisch, denn meine Kundinnen konnten direkt über Ravelry mit Paypal bezahlen, die Anleitung herunterladen und losstricken. Wenn ich jede Anleitung einzeln über meinen Shop anbieten würde, würde der zeitliche Aufwand den Ertrag obsolet machen. Das klappte bis gestern gut. Seit gestern ist man als Verkäufer digitaler Inhalte verpflichtet, die darauf entfallende Umsatzsteuer nach der steuerlichen Regelung des Landes des Käufers an dieses Land zu entrichten. Das heißt im Klartext, ich muss von jedem Käufer ermitteln, woher er kommt. Diese Daten soll ich dann auch noch 10 Jahre aufbewahren – Datenschutz? Halloooo?

Weiter:

die Steuern müssen dann an das Land des Käufers abgeführt werden. Da die Steuern unterschiedlich sind, zahlen Käufer unterschiedliche Preise. Absurdistan gehört definitiv zur EU.

Ravelry kann diese Neuregelung nicht leisten, schließlich ist es ein Handarbeitsforum mit Millionen von Mitgliedern und keine Verkaufsplattform. Was man sich dort als erste Hilfe ausgedacht hat, ist die Kooperation mit einer englischen Verkaufsplattform, nämlich loveknittings. Damit der Fiskus mich nicht bei den Öhren packt, habe ich gestern mit einem einzigen Klick alle meine Anleitungen von Ravelry an loveknittings transferiert. Die wurden natürlich von der Chose auch ziemlich überrollt und geben die Anleitungen nach Überprüfung peu à peu frei. Erst dann kann ich wieder dran und Texte und Preise ändern, wenn erforderlich. Da die Daten von Ravelry übernommen wurden, sind die eingetragenen Preise Bruttopreise. Natürlich nimmt loveknittings, anders als Ravelry, eine ordentliche Gebühr für die Dienstleistung. Ist ja auch okay, es ist deren Geschäft.

Ob eine Strickanleitung überhaupt unter das Gesetz fällt, ist noch überhaupt nicht raus. Eigentlich ist sie nämlich keine elektronische Dienstleistung, sondern ein Produkt, dass auf elektronischem Wege übermittelt wird. Der Gesetzestext ist für mich diesbezüglich eindeutig, aber sicher ist sicher. Deshalb habe ich auch diese Petition unterschrieben und unterstütze sie. Es sollte IMHO eine Freigrenze für kleine Händler geben, auch wenn das wieder eine Zusatzregulierung ist, die ich eigentlich nicht befürworten kann s.o. Trotzdem kann die noch nicht richtig durchdachte Gesetzeslage für Einige die Existenzgrundlage gefährden, also zähneknirschend unterschrieben.

Die Alternative wäre, bei Ravelry zu bleiben und nur noch Verkäufe an deutsche Käuferinnen zuzulassen. Das finde ich aus Prinzip blöde, auch wenn nur 25% meiner Anleitungen aus dem Ausland gekauft werden. Ich finde es einfach toll, wenn z.B., wie geschehen, jemand aus Korea die Anleitung für ein Paar Stülpchen bei mir kauft und bald eine koreanische Strickerinn mit Ulle-Stülps herumläuft.

Wie es bei mir weitergeht mit den Anleitungen, ob ich überhaupt weiter Anleitungen anbiete, wenn gerade mal die Hälfte des Preises bei mir hängen bleibt, ist noch nicht raus. Vielleicht wird alles ganz anders und vielleicht wird alles auch besser. Vielleicht finde ich im neuen Jahr auch endlich ein ruhiges Zuhause für mich, die Pelznasen und all das Garn, damit ich endlich unbelästigt vom dauerlärmenden Rasentraktor und anderen motorisierten Geräten ans Bücher schreiben komme und meine Anleitungen da hineinpacke. Im Moment bleibt mir mal wieder das, was ich ganz schlecht kann: entspannen und abwarten.

Ein Gedanke zu „VAT Auszeit

  1. Liebe Dagmar,

    als erstes möchte ich Dir alles, alles Gute für das neue Jahr wünschen und eigentlich wünsche ich mir, daß Du soviel Wolle und Anleitungen verkaufen sollst wie nur möglich! :o))

    Aber ich habe gerade Deinen Link gelesen und bin einfach nur entsetzt, wie man „dem kleinen Mann“ mal wieder ganz, ganz böse in die Suppe spucken will!!!
    Dieses Gesetz hätte (hat) ja zur Folge, daß viele, viele Menschen, die vielleicht auch gar keine anderen geschäftlichen und beruflichen Möglichkeiten mehr haben, mit Sicherheit ihre Existenzgrundlage verlieren (um nur einen der Gründe zu nennen).
    Von den Folgen, die das für Verkäufer wie Dich und Elke z. B. hätte, ganz zu schweigen…
    Das trifft nicht die großen multinationalen Unternehmen, sondern wieder einmal nur die, die tatsächlich auf dieses Business angewiesen sind!
    Selbstverständlich habe ich die Petition unterschrieben und hoffe, daß sie erfolgreich sein wird!!!

    Zum Entschleunigen trägt das jetzt gerade nicht bei, weil mich solche Sachen auch ziemlich auf die Palme bringen, aber ich werde jetzt gemütlich…

    … eine Viertelstunde (oder mehr) mit Rolf brunchen und dabei Zeitung lesen….
    … eine neue Teesorte ausprobieren (türkischen Apfeltee)…
    … und mich darauf freuen, heute nachmittag weiter bei einem schönen Hörbuch an meinem Guttut-Tuch zu stricken, was mich (hoffentlich) ablenken und wieder ein bisschen auf andere Gedanken bringen wird…

    Möge das Universum dazu beitragen, das sich diese unselige und komplett idiotische Regelung bald in Feuer und Rauch auflöst!!!

    Wünsche Dir heute trotzdem soviel Entspannung und Ruhe wie nur möglich!
    Bin in Gedanken bei Dir…!

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